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Finnland Improvisation

Tag 10/2, Tag 11: Flucht im Regen

Keine Augen, dafür nass

Falls ich geglaubt hatte, mit der Fähre nach Helsinki würde mein Weg in sicherere Gefilde führen, hatte ich mich getäuscht. Es sollte einer der Abende werden, für den das 37-Signals-Motto „Embrace constraints“ wie gemacht ist.

Doch zuerst einmal will ich von der Melancholie und der Euphorie berichten, die meine Reise mit der Fähre in mir auslösten. Die Melancholie setzte schon beim Einsteigen ein; Während meiner Auslandssemester in Finnland vor fast acht Jahren gehörten die Reisen mit dem Schiff zu den Party-Höhepunkten, besonders die Nachtroute Turku-Stockholm (die ich später nehme) war berühmt berüchtigt. Der Alkohol ist auf offener See zollfrei und damit vergleichsweise preiswert, dazu gibt es noch Restaurants, Tanzcafès und eine Borddisko. Alleine der Anblick der Finnen, die sich gleich nach der Ankunft an Bord an die Spielautomaten zum Zocken stellen, löste eine ganze Erinnerungskette aus, ebenso die melancholischen Tango-Bands, die eine traurige finnische Version von „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“ zum Besten gibt.

Wer braucht da Las Vegas?
Tango der Erleuchtung

Es waren diese Klänge, bei denen ich das erste Mal die finnische Melancholie so richtig begriff. Als ich an Deck stand und hinaus blickte, während Tallinn langsam hinter uns verschwand, war es mir, als hätte das Meer meine Jugend verschlungen, als wären die acht Jahre seit damals zwischendurch mit einer Welle weit hinaus gespült worden. Das Meer tröstet nicht, denn es kennt kein Alter, es ist immer im Jetzt, während wir Menschen langsam die Sandkörner durch unsere Lebensuhr rinnen sehen, ohne Macht, sie einfach umzudrehen.

Das ist auch Dein Zuhause

Doch das Meer mit seiner stetigen Gegenwärtigkeit gibt einem auch wie kein anderes Element das Gefühl, lebendig zu sein. So ist der zweite Teil der Fahrt nur mit kompletter Glücksseligkeit zu beschreiben. Die Sonne, wie sie durch die Regenwolken am Horizont bricht, der Wind im Gesicht und das erste Mal das Gefühl zu wissen, wie sich Weltreisende fühlen, deren nächstes Ziel nicht ihr Zuhause, sondern nur eine weitere Etappe ist – und die den Weg hinter sich sehen und schier nicht begreifen können, wie weit sie ihre Wanderschaft schon geführt hat. Kurz vor Helsinki strecke ich meine Arme nach in einem „I am the King of the World“-Gefühl nach oben, gebe einen Freudenjauchzer von mir und führe vor ein paar vereinzelten Passagieren einen kleinen Tanz im Wind auf.

Das Meer in mir

So hätte dieser Tag gerne enden können, doch es gehört wohl zu den Charakteristika dieser Reise, dass alles anders weitergeht, als man denkt. In diesem Fall eröffnet sich schon kurz nach der Ankunft ein Problem: Das Hostel, das ich angepeilt hatte (Couchsurfing-Gastgeber hatten sich keine gefunden) ist ausgebucht. „Die anderen Hostels sind auch voll“, gibt der Student an der Rezeption zu verstehen, womit für mich ab 21 Uhr eine kleine Odyssee beginnt: Ich klappere trotzdem noch einige Hostels ab, in der vagen Hoffnung, es sei noch ein Platz freigeworden. Die Finnen sind wie immer freundlich, können mir aber nicht helfen.

In Helsinki dämmert es (mir)

Ich würde inzwischen sogar ein bezahlbares Hotel nehmen, doch selbst hier gibt es keine freien Zimmer – und niemand kann mir erklären, warum (und ich ärgere mich, dass ich mir vorher keine Handy-Nummern von Bekannten besorgt habe, die nach ihrem Studium nach Helsinki zogen). Einmal lande ich sogar in einem Flüchtlingsheim, dort telefoniert man für mich andere Herbergen an, kann mir jedoch keine Bettstatt bieten.

Als ich aus einem Hotel komme, geht plötzlich ein beeindruckender Wolkenbruch nieder, der 20 Minuten dauert. Ich stehe unter dem Vordach, wo ich mit Jari ins Gespräch komme. Er kann mein Schlafplatzproblem nicht lösen, mir aber dafür die Abfahrtszeiten des Busses nach Turku sagen.

Der nette Jari und der böse Regen

Wenig später krempele ich meine Hose hoch und mache mich im Regenponcho auf den Weg zur Busstation, wo ich um 23 Uhr Richtung Turku aufbreche. Das ist natürlich ein Verstoß gegen meine Tramperregeln, aber ein verzeihbarer, immerhin habe ich ja nicht aufgrund fehlender Mitfahrgelegenheiten aufgegeben. Und überhaupt: Improvisation ist alles.

Die Idylle trügt

Zweieinhalb Stunden fahren wir durch die Vollmond-Nacht Richtung Westküste. Ich erinnere mich an eine Stelle bei Kerouacs „On The Road“, bei der er in einem Bus eine süße Mexikanerin kennenlernt, die ihn gleich für einige Tage mit nach Hause nimmt. Mir ist solch ein Glück nicht beschieden: In Turku stieg einzig eine Dame mittleren Alters mit einer Tasche voller Wein und Schnaps sowie einer großen Plastiktüte voller Bierflaschen ein. Auch in Turku irre ich zunächst durch die Stadt, weil die wenigen Hotels im Ort voll sind. Am Ende finde ich zum Glück eine kleine Absteige.

Den Mittwoch verbringe ich damit, in der Fußgängerzone Menschen zu beobachten und die Zeit bis zu meiner Fährenabfahrt um 21 Uhr totzuschlagen. Die Finnen wirken im Alltag beileibe nicht so melancholisch, wie wenn sie auf Booten traurige Musik hören. Ganz im Gegenteil. Der gesunde Pragmatismus, den meine Reise verlangt, ist auch ihnen nicht fremd. Ich werde ihn hoffentlich über das Meer mit hinübernehmen können. Ich bin sicher, dass Skandinavien noch einiges an Improvisation fordern wird.

Turku: Wie San Francisco ohne Kalifornien