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Belgien Deutschland

Tag 27: Wiederkehr

Belgische Sonnenfront, deutsches Schmuddelwetter

Es gibt Sehenswürdigkeiten, die sollte ein Tramper nicht verpassen. Ich bin deshalb sehr froh, auf meiner Reise von Brüssel in die Heimat sowohl den berühmten Eupener Kreisverkehr, als auch die LKW-Zollstation zwischen Belgien und Deutschland mit eigenen Augen gesehen zu haben. Ich trampe in kleinen Sprüngen: Als ich die Grenze erreiche, ist es bereits später Nachmittag; Belgien will mich offenbar nicht hergeben.

Attraktives Eupen
Deutsche Spätsommerlandschaft

Doch auch mein Heimatland hat sich für meine Rückkehr etwas einfallen lassen: Regen, und zwar kräftigen. Auf einem Rasthof vor Köln schleiche ich an einer Tankstelle umher und frage Autofahrer, ob sie zufällig nach Süden müssen. Und wirklich treffe ich auf Markus, einen Ingenieur aus Ingolstadt, der mich mitnimmt.

Während wir durch die Schauer kreuzen, bin ich hin- und hergerissen. Eine Rückkehr nach München am späten Abend scheint möglich, doch die Vorstellung, in meinem eigenen Bett aufzuwachen, befremdet mich, ja macht mir sogar Angst. So entscheide ich mich, in meiner alten Studentenstadt Halt zu machen, zumal ich dort auf eine Party eingeladen bin. Leider unterschätze ich den Weg von der Ausfahrt Randersacker in die Stadt, befürchte kurz, auf immer in einer Brückenbaustelle zu verschwinden und bahne mir mit meiner Smartphone-Taschenlampe den Weg am Main entlang. Es ist kalt geworden, würde ich etwas sehen, wäre es wahrscheinlich mein Atem, der bereits als Dampf in die Nacht entschwindet.

Würzburger Labyrinth

Ich überlege, was meine Fahrer wohl gerade in diesem Augenblick, an diesem Freitagabend machen. Die meisten könnten wahrscheinlich nicht verstehen, wie sich ein einfacher Tramper solche seltsamen Gedanken machen kann, aber im Laufe meiner Reise haben sich die Menschen, die ich getroffen habe, zu einem eigenen Universum verwoben, eines, das hier nur andeutungsweise beschrieben werden konnte – so wie unsere Sternkarten nur einen Ausschnitt des Weltalls zeigen können. Dieses neue, zerbrechliche Universum zu verlassen und in das Leben zurückzukehren, das „richtig“ zu nennen falsch wäre, wird vielleicht der härteste Part dieser Reise. Auf der Party fühle ich mich denn auch zunächst wie ein Außerirdischer, wieder so viele deutsche Stimmen auf einmal, so viel Zivilisation. Eine Angst reißt an mir, die vielen kleinen Erinnerungen und Momente zu verlieren, weil mein Gedächtnis nun wieder mit den Dingen des Alltags verstopft wird.

Am Ende wird es dennoch ein angemessener letzter Abend für diese Reise, besonders gut gefällt mir der Moment, in dem ich einem angehenden Lehrer in bester Hippie-Manier Lebensratschläge gebe, woraufhin dieser sich verabschiedet, um in die Büsche zu kotzen. Als ich mein Lager aufschlage, dämmert im Osten bereits die Sonne. Der letzte Bloggertramp-Tag ist angebrochen. Es wird nicht das Ende der Straße sein, das ich heute erreiche. Der wirkliche Weg in die Wildnis hat gerade erst begonnen.

So früh schweigen selbst die Kirchenglocken
Belgien Frankreich

Tag 26: Letzte Prüfungen

Frankreich und ich werden auf der Tramper-Ebene keine Freunde: Die Reise von Calais nach Brüssel gehörte zu den bislang anstrengendsten Tagen (und ich hatte ja gedacht, dass das Hopplahopp geht).
Angeblich ist Frankreich ein Tramper-Land, aber meine Erfahrungen waren komplett entgegengesetzt: Die Kreisverkehre mit teils steilen Kurven zu den Auffahrten machen das Anhalten unmöglich. Das führt zu kuriosen Situationen: In Dunkerque stehe ich an der Auffahrt zur A 16, stelle aber fest, dass niemand anhalten wird (zumal mich zwei junge Franzosen auf der Vorbeifahrt bespucken) und laufe mit meinem Schild zu der Einfahrt des Kreisverkehrs, bei der ich am meisten Autos erwarte. Tatsächlich hält eine Dame und winkt mich aufgeregt in ihren Wagen. Als ich drin sitze, erzählt sie mir auf französisch, dass hier ja niemand halten werde, ich müsse direkt zur Auffahrt. Eine halbe Kreisverkehrrunde später hält sie an und ich stehe wieder dort, wo ich angefangen hatte, um die kürzeste Mitnahme meiner Reise bereichert.


Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits in Calais nach längerer Wartezeit den Weg am Grünstreifen neben den Leitplanken genommen, um zur nächsten Auffahrt zu kommen. Schließlich hatte mich ein Trucker für einige Kilometer mitgenommen. Auch in Dunkerque beschließe ich, erst einmal weiter zu laufen, doch der Weg durch das hohe Gras ist mühsam, zudem ist der Bereich neben den Leitplanken komplett bewachsen. So kommt es, dass ich über Felder und Wiesen wandere, Abwasserkanäle überspringe, hinfalle, Rebhühner aufscheuche, ziemlich laut fluche und am Ende an einem Autobahnkreuz herauskomme, wo ich meinen Daumen von jenseits der Leitplanke in den fahrenden Verkehr halten muss. Tatsächlich hält ein Fahrer auf dem schmalen Seitenstreifen an, schimpft mich, dass das alles zu gefährlich sei und bringt mich zum nächsten Parkplatz. Und hier fügt sich plötzlich alles: Ein britisches Ehepaar macht gerade Rast, sie sind auf dem Weg nach Deutschland (über Brüssel!) und nehmen mich nicht nur mit, sondern kredenzen mir vorher auch noch Tee und Kuchen.

Brüsseler Stadtansichten

Dass ich in Brüssel in einem recht teuren Hotel absteigen muss, weil weder Couches noch Hostels verfügbar sind, ist nur eine Randnotiz. Wenn man Menschen trifft, die man bereits seit Jahren nicht mehr gesehen hat, nimmt man das gerne in Kauf – und außerdem beginnt ja am Freitag die letzte Großetappe nach Deutschland.