Daily Archives: 28. August 2010

Norwegen Schweden Warten

Tag 14: Nervenzusammenbrüche und Naturwunder

Flaggenparty

Den größten Lacher des Tages erntete ich heute von Simon, dem Münchner mit dem Kajak, bei der Präsentation meines Regen-Outfits. Ich gebe zu, vielleicht sind die Flaggen (während des Trampens hinter meinem Kopf hervorragend) etwas übertrieben – sie sollen angeblich dabei helfen, mitgenommen zu werden – dennoch fühlte ich mich perfekt vorbereitet.

Simons Lacher blieb erst einmal für lange Zeit der einzige. Fiese Regenschauer von oben, mich ignorierende Skandinavier von vorne – von 10 bis 14 Uhr stand ich entweder sehnsüchtig den Daumen haltend an der Straße, lief die Autobahn auf der Suche nach einem besseren Platz entlang oder biss vor Wut in meinen Regen-Poncho. Auch wenn es nach 40 Minuten zu regnen aufhörte, trieb mir die Machtlosigkeit die Wuttränen in die Augen – zum ersten Mal wäre ich lieber zuhause als unterwegs gewesen. Nach einigen lauten Flüchen überlegte ich schon, mich zu Fuß auf den Weg in die nächste Stadt zu machen und dort den Bus nach Oslo zu nehmen.

Wunderschön, diese Leitplanken

Doch ich hatte Glück: Auf einem Parkplatz im Naturschutzgebiet einige Kilometer hinter Karlstad hielt ein deutsches Auto, dessen älterer Fahrer sich trotz voller Ladung breitschlagen ließ, mich vor dem Einsetzen des nächsten Schauers bis zu dem Punkt mitzunehmen, wo sich die Autobahn in Richtung Göteborg oder Oslo abzweigt. Roderich heißt der Engel, kommt aus dem Siegerland und ist Skandinavien-Liebhaber. Vor 40 Jahren arbeitete er das erste Mal in Finnland auf einem Bauernhof und kehrte seitdem immer wieder in die Gegend zurück. Doch der Bauernhof, auf dem er noch viele Jahre später häufig zu Gast war, ist inzwischen abgebrannt: Angezündet vom Besitzer, der sich noch am gleichen Abend erschoss. „Es gibt keine Stunde, in der ich nicht an Finnland denke“, sagt mir Roderich zum Abschied. Die Melancholie in seinen Augen würde einem echten Finnen alle Ehre machen.

Ins Licht

Ich gehe ein paar hundert Meter weiter, voller Hoffnung, nun doch noch den Weg nach Oslo zu meistern. Passend dazu wird die Landschaft bereits felsiger, die Regenfälle der letzten Stunden finden nun in kleinen Felswasserfällen den Weg aus den Wäldern. Und wirklich habe ich unglaubliches Glück: Johan aus Karlstad ist gerade auf dem Weg zur Arbeit auf einer norwegischen Offshore-Bohrinsel. Er nimmt mich fast bis nach Oslo mit und erzählt mir viel über Schweden und Norwegen, zum Beispiel, dass Autos in Norwegen für Fußgänger immer stoppen müssen, sobald diese ihren Fuß auf die Straße setzen.

Keine Zeit für den Sprung ins kalte Wasser
Wetterfest
Nordseehorizonte

Während der kurzweiligen Fahrt kommen wir an Landschaften vorbei, die ich weder mit meiner kleinen Handykamera adäquat festhalten, noch beschreiben kann. Seen, Weiden, grüne Wälder und ein Wetter, dass sich minütlich zu ändern scheint, sobald sich die hohen Wolkentürme dunkel färben. Es ist nur ein kleiner Eindruck, den ich von Norwegen erhalte, doch es ist ein mächtiger. Da kann Oslo, die Stadt an der Nordsee, fast nicht mithalten. Was sind schon menschliche Bauwerke im Vergleich zu den Wundern, die Wind, Sonne und Regen in die Landschaften über Jahrmillionen in die Landschaften zeichnen.

Stadt der roten Ampeln

Morgen mache ich mich auf den Weg in eine weitere Wunderlandschaft: Um 11 Uhr fliege ich nach Schottland.

Route Schweden

Halbzeit, aber keine Pause

Toxisch

Dieses Symbolbild hier zeigt nicht meine, sondern die Schuhe von Simon aus München, mit dem ich ein Jugendherbergszimmer teile. Es ist ein Akt der Gnade, dass er sie nicht im Zimmer stehen lässt, immerhin haben sie zehn Tage Kajaktour hinter sich. Mit meinem bayerischen Gefährten habe ich gestern auch das Nachtleben erkundet, Clubs mit Holzböden, hübsche Menschen, unbezahlbares Bier. So unbezahlbar, dass Simon nun überlegt, die nächsten Tag zu campen, bis er wieder am Monatsanfang Geld auf dem Konto hat. Leider regnet es allerdings, was auch meine Reise wenig angenehm machen könnte.

Blondinen bevorzugt

Heute ist Bergfest, da die Hälfte meiner Reise um ist, und tatsächlich könnte es ein steiler Weg werden: Meine heutige Tour soll mich nach Oslo führen – von dort geht es dann Sonntag mit dem Flugzeug weiter, wie von Euch gewünscht. Ich habe für morgen noch einen relativ günstigen Flug nach Aberdeen in Schottland gefunden, von wo ich erst nach Norden, dann nach Westen und per  Fähre nach Nordirland/Irland aufbrechen möchte. Die genaue Route überlege ich mir heute Abend, jetzt aber geht es erst einmal wieder raus in den Regen auf die Straße.