Tag 9: Randbegegnungen

Im Schatten des Bloggertramps

Auch der späte Tramper ist nicht vor kuriosen Begegnungen gefeit: Nachdem ich den Tag lieber in der Stadt von Riga als auf der Straße verbracht hatte, treffe ich erst gegen 16 Uhr an der Autobahn ein – mein Gastgeber hatte mich freundlicherweise dorthin gefahren.

Mein erster Fahrer hält nach zehn Minuten und erinnert ein bisschen an Hans Maulwurf von den Simpsons: Ein älterer Lette mit rundem Gesicht und Brille, dazu ein kleines Auto, mit dem er auf keinen Fall zu viel riskieren möchte.  Auf „Richtung Estland“ können wir uns trotz Sprachbarriere einigen. Die nächsten 10 Minuten zuckeln wir klappernd die Straße (die Autobahn Richtung Lettland ist meist eine zweispurige Schnellstraße mit kleiner Ausweichspur) entlang, dann ist meine Fahrt schon wieder zu Ende: Er muss an der nächsten Kreuzung nach rechts Richtung Tartu, bedeutet er mir, ich stehe daraufhin fünf Kilometer hinter Riga auf der Straße, meines guten Startplatzes beraubt.

Autobahn-Sightseeing

Nachdem mich einige Zeit niemand mitnimmt, beschließe ich, auf entlang der Straße Wanderschaft zu gehen. Immerhin ist der Autolärm erträglich, Waldlandschaft und Nachmittagssonne entschädigen mich dafür, dass ich einige Leitplanken überwinden muss, als ich an ein Autobahnkreuz komme. Zudem erlebe ich eine Premiere: Erstmals in meinem Leben laufe ich in einen Rasthof ein, wo ich mir Proviant versorge, falls ich die Nacht im Freien verbringen muss.

Wo Lettlands Autofahrer rasten

Wenig später folgt Premiere Nr. 2: Eine Frau, die alleine unterwegs ist, hat mich mitgenommen. Auch sie – 42, die Gesichtszüge erinnern ein bisschen an eine Büroversion von Brigitte Nielsen – fährt nur wenige Kilometer, und doch wird es kurios. Meine Angabe, Deutscher zu sein, erfreut sie außerordentlich: „Ich habe zwei deutsche Schäferhunde“, sagt sie in breitem Englisch mit Ost-Akzent, „sie heißen Giorgio und Armani.“ Einer von beiden hat heute auch Geburtstag, weshalb wir die nächste Ausfahrt abbiegen und vor einem Friedhofsblumenladen halten. Mit einer überdimensionalen Geburtstagslilie kommt meine Fahrerin strahlend heraus. Kurz darauf werde ich bereits in die höhere Mystik eingeweiht. „Ich bin Christin, Buddhistin, glaube an den Sonnengott und bin bereits mit meinem Astralkörper gereist“, erklärt sie mir. Auch Nietzsche und Engels hätten an außerkörperliche Materie geglaubt.

Wenige Kilometer später stehe ich am Straßenrand, während die Sonne immer näher an den Horizont wandert, habe aber Glück, als mich ein Pärchen zur nächsten Tankstelle mitnimmt, wo ich Arkadi, einen estnischen Rapsölverkäufer, anspreche. Er nimmt mich mit und noch während der letzten Sonnenstrahlen taucht links die Ostsee neben der Autobahn auf. Am Ende lande ich in Pärnu, einem estnischen Ostseee-Kurort. Obwohl Saison ist und die Hotelpreise vergleichsweise saftig sind, ist  in der „Sommerhauptstadt Estlands“ (Arkadi) kaum etwas los. Auch das Badevergnügen fällt ins Wasser: Als ich am Morgen aufwache, regnet es bereits.

Brummende Sommerhauptstadt

Anmerkung: An dieser Stelle bitte ich Euch schon einmal um Vorschläge, von wo es ab Oslo weitergehen soll. Ich plane, dort nächsten Montag oder Dienstag weiterzufliegen. Bitte nur innerhalb Europas, Orte, an denen ich noch nicht war und keine absurden oder überteuerten Routen. Vielen Dank an Euch, auch für die  vielen Kommentare und Mails!

5 Comments

  • 24. August 2010 - 07:11 | Permalink

    Nach Schottland! Nach Nordschottland!

  • 24. August 2010 - 08:54 | Permalink

    Hatte ich ganz vergessen: Nicht fliegen! Schön mit der Fähre rüber!

    Und noch was: Geht’s von Tallinn aus eigentlich nach Helsinki oder nach St. Petersburg?

  • 24. August 2010 - 11:05 | Permalink

    Bin gerade aus einem (im Vergleich zu deinem) langweiligen Uralub zurückgekommen und habe dein Tagebuch bisher sehr genossen.

    Heute scheint das aber alles in Kyrillisch zu sein … Zumindest im Firefox auf Mac. Safari auf Mac ist übrigens OK.

    Was die Route angeht: Preiswert ab Oslo irgendwo hinkommen? Ist das nicht schon ein Widerspruch in sich?

  • 24. August 2010 - 11:06 | Permalink

    Hmm, war ein Firefox Problem. Kurze Zeit später waren alle Buchstaben nur noch Kästchen … Sorry für den Fehlalarm.

  • joha
    24. August 2010 - 16:25 | Permalink

    @Egghat: Naja, überteuert wäre etwas, wo nur einmal die Woche ne Maschine fliegt und ich ne Hypothek auf mein nicht vorhandenes Haus aufnehmen muss. Zu deutsch: Billigflieger-Destinations bevorzugt.
    @Ben: Geht nach Helsinki, für St. Petersburg hätte ich ein Visum gebraucht. Eine Fähre von Norwegen nach Schottland gibt es leider seit zwei Jahren nicht mehr 🙁

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