Daily Archives: 21. August 2010

Freizeitvergnügen Polen

Tag 7: „Was dagegen, wenn wir kiffen?“

Als ich vorhin das Video aufgenommen habe, war ich noch euphorisiert (nein, nicht bekifft). Nun erfahre ich, dass Christoph Schliingensief gestorben ist. Das ist traurig und ein Schlag für die deutsche Kulturszene. Soviel Anarchismus ist nie wieder.

Vielleicht hätte Schlingensief am zweiten Teil meiner heutigen Etappe in die Nähe der litauischen Grenze seine Freude gehabt, wieder einmal wird ein typisches Klischee erfüllt. Einem Romanautoren würde das der Lektor mit der Begründung „zu abgegriffen und unrealistisch“ rausstreichen.

Der heutige Tag gliederte sich eigentlich in drei Teile. Bis Mittag war ich in Warschau mit Straßenbahn und Bus unterwegs, um auf die Schnellstraße Richtung Nordosten zu gelangen. Dabei fuhr ich einmal mit der Tram in die falsche Richtung, dann mit dem Bus zu weit. Am Ende stand ich um kurz vor 13 Uhr an der Straße.

Was an der Stadtgrenze von Warschau passiert, bleibt auch an der Stadtgrenze von Warschau (CC, Attr-Share-Alike)

Doch wieder einmal werde ich vom Glück geküsst: Mit Mariusz und Lukasz nehmen mich zwei angenehme Zeitgenossen nacheinander mit. Beide fahren übers Wochenende zu ihren Eltern, und beide helfen mir, wo sie können, zeigen mir auf der Karte Alternativnummern, Mariusz gibt mir sogar seine Telefonnummer, falls ich in Polen Ärger bekommen sollte.

Im Laufe der Fahrten werden wir jedoch immer stiller, da die Landschaft Richtung Masuren immer sehenswerter wird. Nicht unbedingt spektakulär wie in Österreich oder Slowenien, sogar ein bisschen chaotisch reihen sich Felder, Bäume, Waldstücke und Häuser aneinander. Zwischendurch wird die Walderfahrung ein bisschen bizarr, als am Straßenrand Menschen Waldfrüchte und Pfifferlinge, wenige Meter weiter Frauen vereinzelt ihren Körper anbieten.

Und trotzdem ist es eigenartig schön, friedvoll, fast ein fahrendes Gemälde: Die kunstvoll gebauten Storchennester auf Telefonmasten, das Gelb der abgeernteten Getreidefelder, die Schilder, die vor Kühen warnen, eine alte Bauersfrau, der ihre Tochter aus dem Auto hilft. Es ist vielleicht die friedvollste Fahrt bislang, ich bin nicht auf der Straße, um an ein Ziel zu gelangen, sondern einfach um zu sein. Lukasz, der Feuerwehrmann ist, hat den Soundtrack zum Dylan-Film „I am not there“ eingelegt, und ich bin da, hier im Jetzt.

Unscheinbare Weiten (CC, Attr-Share-Alike)

Er lässt mich an einer Haltebucht (die Straße ist weiterhin einspurig und wird es auch bleiben) raus, wo ein wettergegerbtes Bauernpaar Kartoffeln, Karotten und Pflaumen verkauft. Ich hole mir ein paar Pflaumen, gleichgültig wickelt die Frau den Kauf ab, während ihr Mann stoisch auf die Straße blickt und nur ab und zu eine Pflaume in den Mund schiebt und sie geräuschvoll zerkaut. Ich lege mich ein paar Minuten ins Gras am Straßenrand und blicke in den Himmel. Ohne Gedanken, den perfekten Samstag erlebend.

Er guckt, die Frau wartet hinter dem Wagen, um dann zu verkaufen (CC, Attr-Share-Alike)

Der pastorale Teil meiner Reise endet, als mich wenige später zwei Jungs mitnehmen. L. und S. Sind auf dem Weg nach Augustow, um zu feiern. L. ist etwas fleischiger, trägt seine kurzen Haare offen, während S. sie unter einer Baseballkappe versteckt, beide haben ihre Waden ziemlich volltätowiert. L. verwendet das polnische Schimpfwort „Kurva“ ungefähr in jedem achten Wort, S. in jedem Dritten. S. arbeitet in einer Druckfabrik, L. ist arbeitslos. „Die ganze Zeit frei“, sagt er anerkennend, ist aber wohl selber nicht ganz begeistert davon.

Ich sitze auf dem Rücksitz und wir plaudern, die Jungs haben mir zur Begrüßung gleich eine 0,5-Liter-Dose Red Bull in die Hand gedrückt.. L. übersetzt für S. und überbringt mir die frohe Botschaft: „Ist Dein glücklicher Tag heute“, sagt er grinsend, „wir haben beschlossen, nach Suwalki zu fahren.“ Und er ergänzt: „Hast Du was dagegen, wenn wir Marihuana rauchen?“

Boys will be boys (alle Rechte vorbehalten)

Die beiden holen eine kleine Pfeife heraus, mit der sie sich schnell ein paar Köpfe ziehen. Ich lehne dankend ab, könnte aber etwas Beruhigung gebrauchen: L.’s Überholmannöver lassen für Risiko-Liebhaber keine Wünsche offen, gefährlich nahe kommt uns so mancher LKW auf der Gegenfahrbahn. Plötzlich halten die beiden mit einer Vollbremsung an einer Tankstelle an. „Ich hol mir ne Sonnenbrille, hab meine vergessen“, sagt L., wird dann aber nicht fündig.

Die nächsten 80 Kilometer höre ich viele „Kurvas“, bekomme den Zustand des polnischen Boxsports erklärt und gucke aus dem Fenster, wo nun eher Gewerbegebiete dominieren. An die riskanten Überholmannöver habe ich mich inzwischen gewöhnt, und als wir um fünf nach Suwalki einfahren, dröhnt aus den Boxen in höllischer Lautstärke „Black or White“ von Michael Jackson, während wir drei mit einer Kippe in der Gosche bestens gelaunt mitwippen. Auch das ist das Tramperleben, Samstagabend in eine neue Stadt einfahren und keine Pläne und Sorgen zu haben. Am Ende tauschen wir Telefonnummern und die beiden verschwinden in eine Bar. Falls ich sie später wiedertreffen sollte, dürften sie mir einige Biere voraus haben.

Show me the way to the next Whiskey bar (all rights reserved)
Freizeitvergnügen Polen

Blüte der Chili-Schoten

In Bloom (CC, Att-Sh-Alike)

Es ist bereits dunkel, als ich bei meinem Couchsurfing-Gastgeber R. ankomme. Ich habe – wieder einmal – großes Glück: Er wohnt direkt im Zentrum, ich muss also nicht noch lange Wege mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen. Das imposante Haus, in dem er wohnt, hat die Größe eines kompletten Blocks, vor den Wohnungseingängen sind noch einmal extra abgeschlossene Gittertüren angebracht.

Als ich hereinkomme, gießt der Herr der Wohnung gerade seine Chili-Schoten, nebenbei läuft ein Laptop mit einer Serie. R. ist schlaksig, seine kurzen Hosen betonen die langen Beine noch zusätzlich, beim Laufen federt er so locker, dass es beinahe etwas ungelenkt wirkt. Ich habe nicht  viel Zeit für R., da ich mich mit zwei Bekannten in der Stadt treffe – was mir ein ziemlich schlechtes Couchsurfer-Gewissen macht, zumal R. im Gespräch seine ziemlich trockene Weltsicht mit einem unwiderstehlichen australischen Akzent darlegt. So behauptet er, die polnische Sprache nicht zu lernen, weil sie „in jeder Rangliste unter den drei schwierigsten Sprachen der Welt liegt“. Seine Arbeit nimmt er nicht allzu ernst: „Ich arbeite nicht, ich unterrichte hier ein bisschen Englisch“, sagt er.

R. ist weder glücklich, noch unglücklich, dass er hier lebt: Er zog nach Warschau, um eine hier lebende Freundin zu trösten, deren Freund sich von ihr getrennt hatte. „Ich reiste geradedurch Deutschland und hatte nichts zu tun“, sagt er. Als ich frage, ob die Freundin immer noch hier lebt, antwortet er trocken: „Ja, und sie hatte inzwischen vier oder fünf Freunde.“

Belagerung bei Nacht (CC, Attr-Share-Alike)

Leider habe ich keine Zeit für ein tieferes Gespräch, weil ich zum Präsidentenpalast muss, wo meine Bekannten auf mich warten. Der Vorplatz des prächtigen Gebäudes ist aufgrund der Kreuz-Kontroverse inzwischen abgesperrt, auf der einen Seite steht die Polizei, auf der anderen Demonstranten. Zwischendurch kommt es immer wieder zu lautstarken Debatten zwischen Passanten, Demonstranten und denen, die sich einfach dazugestellt haben, um zu diskutieren. Inzwischen, so erzählen mir meine Bekannten, versucht der Gründer des radikal-katholischen Senders Radio Maria die Proteste zu eskalieren. „Er hat eine Art Armee, die hier immer aufläuft. Eine Armee, die vor allem aus alten weißhaarigen Frauen besteht.“

Warschau bei Nacht (CC, Attr. Share-Alike)

Als ich ein paar Stunden später zurückkehre, gießt R. Gerade wieder seine Pflanzen. Er scheint ähnlich fixiert darauf wie auf den Wunsch, keine unnötige Energie zu verschwenden. Schon vorhin hatte er das Licht in der Küche (in der meine Couch steht) ausgemacht, obwohl nur kurz im Gang stand, um mit ihm zu plaudern. Als ich beim Zähneputzen kurz das Bad verlasse, um meditativ aus dem Fenster zu sehen, springt er aus seinem Zimmer und knipst hinter mir das Licht aus. Die Mischung aus trockenem Humor, australischem Akzent und energetischer Pedanterie hätte ich gerne noch näher kennengelernt. Leider ruft am Samstagmorgen bereits wieder die Straße.