Ein bisschen Kerouac


Es ist eine Jack-Kerouac-Situation und ich muss sie aufschreiben, denke ich mir. Weil ich zu spät vom Abendessen gekommen war (wer konnte ahnen, dass im ersten Stock des Restaurants eine englische Cricket-Juniorenmannschaft gerade bestellt hatte) und nur noch die amerikanische Bikerin (offenbar mit Hang zur Internetsucht) in der Küche saß, bin ich nun alleine auf einem kleinen Sommerfestival gelandet.


Draußen sitzen die Menschen im Park, in einer Unterführung spielt eine Jazz-Band. Ich kauere an der Wand, neben mir sitzen zwei Pärchen, die wie alle hier Wein aus Flaschen trinken. Zwar spielt die dreiköpfige Band keinen Bebop (worüber ich auch froh bin), sondern landestypisch eine melancholische Melodie, doch kann ich in diesem Moment ein bisschen erahnen, warum Jack Kerouac beim Besuch der Jazz-Clubs auf dem Weg durch Amerika immer das Gefühl hatte, heimzukommen.

Doch Kuhn ist nicht Kerouac, offenbar sind wir beim letzten Lied angelangt. Die Band beendet ihr Set unter spärlichem Applaus und die Menschen drängen hinaus und spülen auch mich wieder an die Oberfläche. Orientierungslos suche ich einen Sitzplatz an einer Wasserfläche. Heute Abend ist wirklich Sommer, immer noch, auch wenn er langsam ausbrennt. Das überraschend gleichmäßige Geräusch von Gesprächen und Gelächter umgibt mich, nur ab und an klappern die Holzdielen, auf denen ich sitze, wenn ein paar Fahrräder darüberfahren. Ein kleiner gestörter Hund wetzt an mir vorbei, eine Plastikflasche im Maul zerbeißend.

Ein dunkelhaariges Mädchen, so um die 20, setzt sich neben mich, das Handy am Ohr. Sie hängt ihre rot beschuhten Füße auf die Wasseroberfläche und trippelt leicht, so dass es plitsch-platsch macht. Als sie aufgelegt hat, dreht sie sich zu mir um und fragt mich etwas. Ich verstehe natürlich nichts, woraufhin sie nochmals in gebrochenem Deutsch fragt: „Bist Du traurig?“.

Da ist es wieder, mein Problem: Große blaue Augen, ein Hang zum Phlegma und russische Vorfahren führen immer wieder dazu, dass offenbar selbst der neutralste Silvester-Stalone-Gedächtnisblick traurig wirkt. Vielleicht bin ich aber auch wirklich melancholisch, weil mich heute Abend das Gefühl beschleicht, ab morgen langsam dem Herbst entgegen zu trampen. Oder merkt man mir den unangenehmen Schmerz an, den meine vier Blasen an den Füßen verursachen?

Ich versuche, es mit den großen Augen zu erklären. Sie scheint es mir nicht ganz zu glauben, weshalb ich sie meinerseits nun frage: „Bist Du glücklich?“ Sie zieht die Augenbrauen nach unten und wiegt ihre Hand in einer Zweifelsgeste hin und her. „Boys“, sagt sie nur, und ist bereits wieder in der Dunkelheit verschwunden. Erstaunt bleibe ich zurück. Vielleicht sind das die wahren Kerouac-Momente. Ich berühre mit meinen Schuhsohlen leicht die Wasseroberfläche und höre dem leisen Plitsch-Platsch zu. Auf den Weg zurück zum Hostel verschenke ich meine restlichen Forint an ein paar Obdachlose, ihre vom Alkohol ausgemergelten Gesichter zeigen gleichgültige Dankbarkeit.

2 Comments

  • 19. August 2010 - 09:28 | Permalink

    Hallo in die weiten Steppen Ungarns,
    sehr sehr schön geschrieben, wenn´s auch tatsächlich melancholisch klingt (****in_my_brain … was mir nicht fremd ist und nicht mit unglücklich sein verwechelt werden sollte… out_my_brain****).
    Der Beitrag spiegelt für mich bislang Deine Erlebnisse intensiver und näher wieder, als die bisherigen.
    Gern mehr davon!
    Gruß
    Flo

  • 19. August 2010 - 11:19 | Permalink

    Find ich auch, sehr sehr schön Johannes! Blasen an den Füßen tun aber auch weh.

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