Daily Archives: 19. August 2010

Polen Slowakei Ungarn

Tag 5: Zum Tee zu Gast

Ein Tramper schnorrt sich durch (by me, all rights reserved)

Ich habe es nach Krakau geschafft, und wenn ich mir die Strecke mit ihren Kurven und Hügeln ansehe, kann ich mich nur wundern. Das war in jedem Falle kein Katzensprung, die vielen Tramper, die in der Slowakei an der Straße standen, geben ein Zeichen davon.

Hierher zu kommen, habe ich zwei Menschen zu verdanken. Einer davon ist Jusztusz. Er gabelte mich in Budapest auf, nachdem ich bereits mehrere Kilometer entlang des Autobahnzubringers unterwegs gewesen war. Mit ihm ging es ein Stück auf der M 2 entlang, der ungarischen Autobahn, die diesen Namen nicht wirklich verdient: Über viele Strecken eine einzige Spur, dazu kamen uns noch Fahrräder und Fußgänger entgegen. Wahrscheinlich ist das eine ungarische Tarnung, mit der die EU-Bürokraten während der Beitrittsverhandlungen von der Qualität des Straßennetzes überzeugt werden sollten. Ein Ausbau ist auch nicht in Sicht: Die Slowakei und Ungarn  verstehen sich auf politischer Ebene unabhängig von den politischen Parteien nicht. Da lässt man lieber den Schwerverkehr einspurig dahinkriechen.

Zwei Spuren? Nicht doch. (CC, Att-Sh-Alike)

Als mich Justusz an einer Bushaltebucht (!) an der „Autobahn“ absetzt, dauert es keine fünf Minuten, da hält bereits ein LKW. In ihm sitzt E.. Warum ich ihn so nenne, werde ich gleich erklären. Zunächst aber einmal habe ich wieder Glück: E. Ist Türke, spricht aber fließend deutsch, weil er bis zum Teenageralter in Deutschland gelebt hat. Glückskind, Teil II: E. Ist auf dem Weg nach Polen und durchquert Krakau.

Die kommenden Stunden werden sehr lustig, aber auch relativ privat. Ich habe mich deshalb entschieden, E.’s vollen Namen nicht zu nennen (den entsprechenden Tweet habe ich auch gelöscht, die Initiale ist zufällig gewählt) und kein Bild mit ihm zu zeigen.

Wie dem auch sei: E. hat viel zu erzählen, von Deutschland, von seinem Leben, davon, wie er häufiger Tramper mitnimmt. Er hat Frau und Kind in der Türkei, ist aber mehrere Wochen nacheinander unterwegs. Sein jüngstes Kind hält ihn für einen Fremden, weshalb er in ein, zwei Jahren mit dem Fahren aufhören möchte – dann hat er das Geld zusammen, um sein Haus fertig zu bauen. An seine Zeit in Deutschland erinnert er sich gerne, seinen Schulfreund  … sucht er immer noch. „Ich habe schon überall geguckt, auch auf Facebook, es gibt zu viele mit dem Namen“, klagt er. Ich schlage vor, nach der Schule zu suchen, worauf E.lachend entgegnet: „Wir waren auf einer Schule für Lernbehinderte, das wird er kaum ins Internet stellen.“

Kein Verkehrsfunk, der uns gewarnt hätte (CC, A-S-Alike)

E. redet so viel, dass er in einer ungarischen Ortschaft eine Radarkontrolle übersieht. Der Polizist will ihn in Forint abkassieren, die Währung hat E. aber nicht dabei. Nach einer kurzen Diskussion steckt er dem Beamten 20 Euro zu, was die Hälfte von dem ist, was er normalerweise hätte bezahlen müssen. Korruption, erzählt E., ist auf vielen Autobahnen Südosteuropas gang und gäbe. In Bulgarien und Rumänien würden Autobahnpolizisten immer fünf Euro Wegzoll verlangen. In den Bergen der Slowakei hat der Räumungsdienst eine raffinierte Methode entwickelt: Beim Schneefall bremsen die Schneepflug-Trucks bergauf einfach den LKW hinter sich aus, worauf dieser nicht mehr anfahren kann und steckenbleibt. Ein paar Minuten später kehrt der Räumdienst von oben zurück, um scheinheilig anzubieten, den Truck für 50 Euro hochzuschleppen.

Es ist angerichtet (all rights reserved)

An der Grenze zwischen Ungarn und der Slowakei machen wir eine Rast und treffen auf fünf andere türkische Fahrer. Auf einer Pfanne kochen sie ein ziemlich scharfes wie leckeres Gericht mit Fleisch und Lauch (ich beschränke mich auf den Lauch) und lassen mich natürlich am Mahl teilhaben. Ich verstehe kein Wort von dem, was sie reden, aber es geht wohl um Vorkommnisse auf der Autobahn und Fußball. Bevor es weitergeht, trinken wir noch einen Tee. Schnell lasse ich mir zum Abschied von E. die türkische Übersetzung für „vielen Dank“ zuflüstern und schon geht es weiter.

Seitenfensterblick, verweile doch (CC, Attr-Share-Alike)

Wer die Slowakei Richtung Polen durchquert, muss zwei große Berge überwinden. Immer wieder preschen Autos mit waghalsigen Überholmanövern auf der einspurigen Straße vor. Wir fahren über unzählige Flüsse, um uns herum dunkle Berge mit Nadelwald und ab und an eine Radarkontrolle auf der Strecke. E. Und ich diskutieren über Gott und die Welt, sogar im Wortsinne: E. Glaubt daran, dass der Islam einmal die einzige Religion auf der Welt sein wird. Dies steht im Koran geschrieben, gibt er sich überzeugt, ebenso wie die Erfindung des Fernsehers, des Internets und der Homo-Ehe. Bei näherer Nachfrage stellt sich heraus, dass er diese gewagte Medien-Theorie aus dem Fernsehen hat – ihn davon abzubringen, wäre dennoch hoffnungslos.

Wanderer, willst Du nach Polen

Ein paar Mal erzeugen seine Geschichten auch Entsetzen bei mir. So erzählt er davon, wie einmal serbische Polizisten vor seinen Augen einen Zigeuner totgeschlugen und ihn dann einen Abhang hinunter warfen. „Es ist richtig, dass die das dürfen, wer aufmuckt, gleich plattmachen“, sagt er.  Ähnlich grauenhaft ist die Schilderung seiner Militärzeit in den Kurdengebieten, eine Volksgruppe, auf die er alles andere als gut zu sprechen ist.  Auf der anderen Seite begreife ich durch seine Geschichten auch, wie Fernfahrer ein Doppelleben führen können, ohne dass es sich so anfühlen muss. Auch über Mentalität und Physis verschiedener Frauen der Region erhalte ich ausgiebig Auskunft.

Rübermachen (CC, Attr-Share-Alike)

Nach einem Kaffee an der malerischen Grenze zu Polen, wo die Autobahnpolizei nach E.’s Ansicht türkische LKW sehr gerne stoppen und die Fahrer schickanieren, rollen wir unter dicken Regenwolken Richtung Krakau. Die restliche Zeit verbringe ich damit, die Sicherheitseinstellungen seines Laptops zu verbessern, was sich allerdings bei einer türkischsprachigen Oberfläche als ziemlich schwierig herausstellt. Zwischendurch legt sich E. den Computer aufs Lenkrad, das er mit einer Hand bedient, während er ein Auge auf den Bildschirm, ein anderes auf den Verkehr hat. Bei Sonnenuntergang schmeißt er mich an einer Bushaltestelle am Autobahnzubringer von Krakau raus. Ich bin in seinem Haus jederzeit willkommen, er verspricht, bald einen München-Besuch einzuplanen.

Krakau und ein weiterer Pfadfinder hinter der Kamera
Ungarn

Ein bisschen Kerouac


Es ist eine Jack-Kerouac-Situation und ich muss sie aufschreiben, denke ich mir. Weil ich zu spät vom Abendessen gekommen war (wer konnte ahnen, dass im ersten Stock des Restaurants eine englische Cricket-Juniorenmannschaft gerade bestellt hatte) und nur noch die amerikanische Bikerin (offenbar mit Hang zur Internetsucht) in der Küche saß, bin ich nun alleine auf einem kleinen Sommerfestival gelandet.


Draußen sitzen die Menschen im Park, in einer Unterführung spielt eine Jazz-Band. Ich kauere an der Wand, neben mir sitzen zwei Pärchen, die wie alle hier Wein aus Flaschen trinken. Zwar spielt die dreiköpfige Band keinen Bebop (worüber ich auch froh bin), sondern landestypisch eine melancholische Melodie, doch kann ich in diesem Moment ein bisschen erahnen, warum Jack Kerouac beim Besuch der Jazz-Clubs auf dem Weg durch Amerika immer das Gefühl hatte, heimzukommen.

Doch Kuhn ist nicht Kerouac, offenbar sind wir beim letzten Lied angelangt. Die Band beendet ihr Set unter spärlichem Applaus und die Menschen drängen hinaus und spülen auch mich wieder an die Oberfläche. Orientierungslos suche ich einen Sitzplatz an einer Wasserfläche. Heute Abend ist wirklich Sommer, immer noch, auch wenn er langsam ausbrennt. Das überraschend gleichmäßige Geräusch von Gesprächen und Gelächter umgibt mich, nur ab und an klappern die Holzdielen, auf denen ich sitze, wenn ein paar Fahrräder darüberfahren. Ein kleiner gestörter Hund wetzt an mir vorbei, eine Plastikflasche im Maul zerbeißend.

Ein dunkelhaariges Mädchen, so um die 20, setzt sich neben mich, das Handy am Ohr. Sie hängt ihre rot beschuhten Füße auf die Wasseroberfläche und trippelt leicht, so dass es plitsch-platsch macht. Als sie aufgelegt hat, dreht sie sich zu mir um und fragt mich etwas. Ich verstehe natürlich nichts, woraufhin sie nochmals in gebrochenem Deutsch fragt: „Bist Du traurig?“.

Da ist es wieder, mein Problem: Große blaue Augen, ein Hang zum Phlegma und russische Vorfahren führen immer wieder dazu, dass offenbar selbst der neutralste Silvester-Stalone-Gedächtnisblick traurig wirkt. Vielleicht bin ich aber auch wirklich melancholisch, weil mich heute Abend das Gefühl beschleicht, ab morgen langsam dem Herbst entgegen zu trampen. Oder merkt man mir den unangenehmen Schmerz an, den meine vier Blasen an den Füßen verursachen?

Ich versuche, es mit den großen Augen zu erklären. Sie scheint es mir nicht ganz zu glauben, weshalb ich sie meinerseits nun frage: „Bist Du glücklich?“ Sie zieht die Augenbrauen nach unten und wiegt ihre Hand in einer Zweifelsgeste hin und her. „Boys“, sagt sie nur, und ist bereits wieder in der Dunkelheit verschwunden. Erstaunt bleibe ich zurück. Vielleicht sind das die wahren Kerouac-Momente. Ich berühre mit meinen Schuhsohlen leicht die Wasseroberfläche und höre dem leisen Plitsch-Platsch zu. Auf den Weg zurück zum Hostel verschenke ich meine restlichen Forint an ein paar Obdachlose, ihre vom Alkohol ausgemergelten Gesichter zeigen gleichgültige Dankbarkeit.