Daily Archives: 17. August 2010

Ungarn

Tag 3: Mit Händen und Füßen

Vorne: Mein Kopf. Im Hintergrund: Budapest.

Internetpause vor dem Monyò Café, während der Verkehr an mir vorbeirauscht. Was das Bild (vorhin aufgenommen, auch mit Verkehr) nicht zeigt, weil mein großer Kopf die Brücke verdeckt: Ich bin in Budapest.

Der Weg dorthin war durchaus beschwerlich, aber reizvoll. Zur Verständigung kam erstmals mein Büchlein zum Einsatz, mit dessen Hilfe ich Daniel und Laszlo erklärt habe, welche Route ich bis September noch nehmen werde. Zuvor hatten mich die beiden von einer Tankstelle in der Nähe des Plattensees aufgegabelt, wo ich schon damit gerechnet hatte, bis abends warten zu müssen.

Da kommt kein Auto mehr hin, fährt die Tram nicht mehr hin (CC, Share-Alike)

Tankstellen am Rande der Autobahn scheinen in Ungarn komplett unbrauchbar, um vom Fleck zu kommen. Mein Glück: Nachdem Daniel und Laszlo mich rauswerfen, gehe ich einfach zu einem Transporter, der hinter uns steht. Und siehe da: Prompt geht es weiter. Am Steuer sitzt Djobo (ich habe keine Ahnung, ob er sich wirklich so schreibt); seine Ladung: Feinstes Speiseeis aus der Fabrik seiner Eltern (vielleicht sagen jemandem „Ice and Go“ oder „Magic Ice“ etwas), Doch während hinten im Transporter -40 Grad herrschen, sind es vorne so um die +35, weil die Klimaanlage kaputt ist. Djobo spricht übrigens deutsch, weil er früher in Österreich gearbeitet hat. „Schlechtes Benzin, schlechte Autos – wir Ungarn kriegen bei allem das Schlechteste“, schimpft er beim Tanken (Ungarisches Benzing -> 1,5 Liter mehr Verbrauch auf 100 Kilometer). Als er mich rauswirft, muss ich nur die Straßenseite wechseln, mein Schildchen hochhalten und schon nimmt mich Robert mit.

Unterwegs (im Spiegel: Daniel. Alle Rechte vorbehalten)

Er spricht leider, wie einige Ungarn, keine Fremdsprache. So kommt es zu einem folgenschweren Missverständnis: Ich glaube, er fragt mich, ob ich zum Sziget-Festival fahre (worauf ich gestenreich verneine, denn das ging am Montag zu Ende) – kurz vor Budapest stellt sich heraus, dass er mir erklären wollte, dass er nach Szeged im Süden des Landes unterwegs ist.

Er will mich direkt AUF dem Autobahnkreuz rauslassen, was ich ihm (wiederum gestenreich) ausrede. Er versucht, mir auf dem Navi seinen weiteren Weg zu erklären, was etwas bizarr anmutet, denn der eingebaute MP3-Player scheppert derweil Metal-Lieder (ich hatte aus Höflichkeit den Daumen nach oben gestreckt, als er mich nach Heavy Metal fragte – woraufhin Robert wohl aus Höflichkeit die Lautstärke kräftig aufdrehte). Am Ende verlasse ich ihn in einem Vorort  von Budapest, steige in die einfahrende Bahn, werde von einer Fahrkartenkontrolleurin ignoriert (ob mein Tramper-Bart bereits für Furcht sorgt?) und lande im Herzen Budapests.

Die Lichter der Markthalle (CC, Att-Share-Alike)

Und was soll ich sagen: Die Stadt ist einfach ein Traum. Allerdings bleibt mir zum Träumen keine Zeit, denn es gibt leider keine freie Couch und ich muss ein Hostel suchen. Ab morgen geht es dann Richtung Slowakei/Polen nach Norden (wobei ich noch überlege, erst spät loszutrampen). Das könnte ein beschwerliches wie zähes Wegstück werden, weshalb die Blogposts etwas rarer ausfallen dürften. Heute ist aber heute, deshalb rein ins Stadtgetümmel.

Freizeitvergnügen Ungarn

Das hier ist nicht Kuba, Herr Hemingway

Am Plattensee – über die Reise hierher ist einen Beitrag weiter unten zu lesen.

Stille Schönheit am Morgen

In bester Thomas-Mann-Manier bin ich heute morgen zum Ufer geeilt, um den Sonnenaufgang und die Ruhe zu genießen. Letztere entschädigt und bietet das Kontrastprogramm zu dem, was sonst hier geboten ist.

Vielleicht hätte ich mich vorher über die Uferorte und den See an sich schlau machen sollen. Bislang hatte ich nur gewusst, dass das Balaton das einstige DDR-Ferienmekka war und einfach nur traumhaft schön sein soll. Ich hatte also ein bisschen ungarische Fischerdorfidylle mit gemäßigtem Tourismus erwartet – so ungefähr, wie in den Flippers-Liedern über italienische Inseln und kleine Bötchen, nur eben mit südöstlichem Einschlag.

Am Ende des Sommers (Foto by me, CC, Share-Alike)

Als ich gestern Abend auf der Landstraße hierher lief, um ein Gefühl für die Gegend zu bekommen, schien auch alles noch in mein Bild zu passen. Wenig Verkehr, Felder bis zum Horizont und im ersten Dorf gleich ein Wassermelonen-Verkäufer, der entspannt sein Buch liest.

Ein Melonenmann am Wegesrand (Foto by me, CC, Share-Alike)

Doch schon beim genaueren Hinsehen zeigen sich Brüche im friedvoll anmutenden Ambiente. Schätzungsweise jedes fünfte Haus steht in den Ortschaften, durch die ich gekommen bin, zum Verkauf. Dass die Schilder auch eine deutsche Übersetzung haben, gibt mir einmal mehr auf dieser Reise das unheimliche Gefühl, dass die Wirtschaftsmacht meines Heimatlandes viel mehr Bereiche umfasst, als ich bislang angenommen hatte.

Als ich an einer Einfahrt „Feriendomizil von Susi und Ralf“ lese und im Hof Autos mit Recklinghäuser Kennzeichen stehen sehe, ahne ich, dass dieser Ort hier nichts mit dem aus meiner Vorstellung gemeinsam hat.

Wer kann hier widerstehen? (Foto by me, CC, Share-Alike)

Je näher ich dem Ufer komme, desto klarer wird: Das hier ist vor allem eine deutsche Ferienkolonie. Deutsche Hotelnamen (ich selbst residiere im Hotel „Sonnenschein“, da es keine Jugendherbergen gibt), Familienurlauber aus dem Sauerland, „Gulaschhütten“ und „Folkloreabende“ und nach 22 Uhr ein Nachtleben, das von überlautem Ballermann-Dancefloor und billigem Bier geprägt ist.

So ein Tag, so wunderschön... (Foto by me, all rights reserved)

Um die Hüttchen und Pavillons geistern immer wieder unter weiten T-Shirts versteckte Massebäuche zwischen 20 und 35, deren Besitzer sich im Hörtest als Landsmänner entpuppen. Ich bestelle mir in einem der Läden einen Wodka und überlege, wie sich wohl Bruce Chatwin oder Ernest Hemingway an diesem Ort fühlen würden, zwischen Kicker, billigem Alkohol und der Leere, mit der ein solcher Abend verrinnt.

Hemingway hätte wohl zumindest den Alkohol gemocht.