Daily Archives: 16. August 2010

Slowenien Ungarn Warten

Tag 2: Zähe Fluchten

Was zuvor passierte... (Foto by me, CC, Share-Alike)

Ich sitze am Zimmerfenster und strecke meine Beine auf die Balustrade des kleinen Holzbalkons. Mein Blick geht nach Westen, dorthin, wo ich heute herkam und gerade die letzten Strahlen des Sonnenlichts in ein tiefdunkles Schwarz getaucht werden. Ein weiterer Tag, eine weitere Abfolge von kleinen Welten und Momenten, die ich bald vergessen habe, wenn ich sie nicht aufschreibe.

Unbezahlbar blöde Momente wie der Blick der Kassiererin im Spar von Ljubljana heute morgen, als sie sah, dass ich meine Äpfel nicht gewogen hatte und sie aus dem Supermarkt hinaus und zur Vordertür wieder rein musste, um das für mich nachzuholen, während hinter mir acht Menschen auf mich und mein blödes Obst warteten. Aber das nur am Rande. Beginnen wir lieber von vorne.

Ich will hier drauf! (Foto by me, CC, Share-Alike)

Nachdem die Reise von München nach Ljublajana praktisch an mir vorbeigeflogen war, ahne ich, dass es nicht so weitergehen kann. Und doch packt mich an der Auffahrt Richtung Maribor schon nach zehn Minuten die Ungeduld. Ob es an der Handy-am-Ohr-Quote liegt, die bei slowenischen Autofahrern gefühlt bei 50 Prozent liegt, dass ich nicht beachtet werde? Als ich gerade selber etwas in mein Schlautelefon tippen möchte, hält auch schon ein Mann mit seinem Sohn an. Auf der Fahrt stellt sich heraus, dass er Boris heißt (schon wieder ein Boris!) und deutsch spricht, weil er den Balkan-Vertrieb für deutsche Textilfirmen macht. Von ihm erfahre ich interessante Dinge über die slowenische Konjunktur (mies) und Bauwirtschaft (pleite) und sein Land (wunderbar, „eine Mischung aus Schweiz, Österreich und Italien“ preist er es an, und während wir durch die Waldtäler und an Hopfengärten vorbei fahren, kann ich nur zustimmen). Leider muss ich schon nach ca. 40 Kilometern aussteigen, weil er die Autobahn verlässt.

Nur fünf Minuten später hält ein lockerer Typ, windschnittige Sonnenbrille, Dreitagesbart, karierte Hose und natürlich das Handy am Ohr. Das legt er aber gleich weg und wir reden ein bisschen über die KuK-Monarchie, vor allem aber über Sport. „Kanada hat mehr Eishockeystadien als Slowenien Spieler hat – und trotzdem spielen beide bei der WM“, sagt er, lobt die slowenische und deutsche Fußball-Nationalmannschaft, disst Ballack („He’s a pig, to me“) und ärgert sich darüber, dass Slowenien so gute Basketball-Spieler hat, die aber offenbar keinen Bock haben. Er redet schnell und fuchtelt mit den Händen, zwischendurch zeigt er auf eine Internet-Adresse, die in Riesen-Lettern auf einer Hausfassade neben der Autobahn steht: „Mein Webshop“, sagt er stolz, „das Haus gehört einem Kumpel.“ Neben dem Webshop betreibt er übrigens auch noch eine Schweißerfirma.

Landleben im Schatten von Berg und Autobahn (by me, CC, Share-Alike)

Doch auch mein sportlicher Fahrer bringt mich nicht bis nach Maribor, weshalb ich mich am Kreisverkehr neben einer Weide wiederfinde. Im Abfall der Shell-Tankstelle ein paar Meter weiter finde ich Pappen, um mein Schild zu basteln. Nach zwanzig Minuten hält ein Taxifahrer an – und bringt mich doch glatt kostenlos nach Maribor auf eine Zubringerstraße zur A5. Ich bin begeistert von Slowenien!

Geduldsproben (Foto by me, alle Rechte vorbehalten)

90 Minuten später hat die Begeisterung spürbar nachgelassen. Ich stehe immer noch an diesem verdammten Zubringer, und obwohl die Autos zu Hunderten vorbeirasen, scheint niemand auf die A5 zu wollen. Ich stärke mich zwischendurch mit einer slowenischen Spezialität von der Tankstelle (Marshmellows mit Schokoglasur und Waffelboden) und grüble nach. Das ZEN des Trampens, das Gefühl, dass Zeit keine Rolle spielen darf, zwischendurch spüre ich es. Meist jedoch schreibe ich mein Schild um (A5 statt der Stadt, die auf dem Weg liegt), probiere es ohne Schild, mache komische Hüpfgesten, um Aufmerksamkeit zu erhaschen und laufe schließlich durch das Gewerbegebiet – schon wie in Salzburg Gewerbegebiet, das scheinen Tramperfallen zu sein – zur nächsten Auffahrt. Nach einer schieren Odyssee sitze ich um 16:30 Uhr, vier Stunden nach meiner Ankunft, im nächsten Auto und bin auf dem Weg nach Ungarn. Im Vorbeifahren sehe ich noch, dass Maribor ein schönes Städtchen am Fluss zu sein scheint. Die Zubringer fand ich allerdings persönlich nicht so ansprechend.

Natürlich schaffe ich es nicht komplett zur Grenze, dafür sorgt dann Zalko, ein Kroate, der ebenfalls deutsch spricht (er arbeitet als Zimmermann in Österreich), der tatsächlich eine Ausfahrt weiter fährt, um mich an einem Rasthof abzusetzen. Die ungarische Grenze ist in Sichtweite, doch irgendwie sind nur italienische Familien mit vollen Autos, ein paar Reisebusse und Trucker unterwegs. Nach etwa einer Stunde findet sich tatsächlich ein Fahrer – ein LKW-Führer aus Russland nimmt mich mit.

Die Grenze in Sichtweite (by me, alle Rechte vorbehalten)

Aleks – so heißt er – und ich können uns nicht wirklich verständigen, wir verstehen uns aber auch ohne Worte. Während in seiner Anlage ein Techno-Remix von Modern Talkings „Brother Louie“ läuft und Alekx rhythmisch mit seinen Händen aufs Lenkrad schlägt, rollen wir an den Weiten der ungarischen Mais- und Sonnenblumenfelder vorbei. Ich staune, bin einfach nur dankbar – und schäme mich ein bisschen: Vor der Abfahrt hatte ich tatsächlich das Nummernschild fotografiert, falls man mich einmal verschnürt in irgendeinem russischen Wald finden sollte (und meine SIM-Karte nicht verrotten sollte).

Brother Aleks (by me, Alle Rechte vorbehalten)

Aleks muss nach Budapest (was sich unter den Planen des LKWs befindet, finde ich nicht heraus), und als am Horizont die Quellwolken wie Pilze in den Abendhimmel drängen, ist unsere Fahrt bereits zu Ende. Der Plattensee schimmert in der Ferne, ich winke in Aleks‘ Rückspiegel und klettere dann vom Rastplatz auf eine Landstraßenbrücke und marschiere los. Ich bin nur wenige Kilometer vom Balaton entfernt, und das noch vor Sonnenuntergang.

Paradies in Sichtweite (Foto von mir, CC, Share-Alike)

Wie es weitergeht schreibe ich morgen früh auf, jetzt gehe ich erst einmal in guter journalistischer Tradition eine Bar suchen.

Slowenien

Saso und seine vier Maedels

Saso zeigt Gastgeber-Qualitäten auch unter widrigsten Umständen. Neben mir muss er noch vier polnische Mädels aufnehmen, die sich vor zehn Tagen angekündigt, jedoch zwischendurch nicht mehr gemeldet hatten. Mir ist es fast ein bisschen peinlich, dass sich die Damen im Wohnzimmer stapeln müssen, während ich ein Extra-Zimmer bekomme.

Noch peinlicher ist mir aber, dass ich im Vergleich zu ihnen wirklich ein blutiger Anfänger bin: Sie bereisen bereits das zweite Mal in Folge Europa per Daumenexpress; vergangenes Jahr ging es nach Portugal, dieses Mal haben sie sich den Balkan ausgesucht. Ich hingegen werde mich später Richtung Ungarn aufmachen. Dort soll es ziemlich schwierig sein, sich zu verständigen. Vielleicht finde ich ja noch ein Wörterbuch, um mit grandiosen Phrasen wie “Mein Luftkissenboot ist voller Aale“ um mich zu werfen.